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Ärztliche Untersuchung in China

Sodele. Vor der Abreise nach China für Arbeitszwecke muss man eine Bescheinigung parat haben, die bestätigt, dass das Individuum in seinem Organismus keine Mirkoben, keine Bazillen, keine Wurmeier und keine weitere Infektionen hat, die einen Schaden der chinesischen demographischen Situation zuzufügen können.

Ich bin damals nach Tübingen gefahren, zu dieser Klinik am Institut für tropische Krankheiten, um mich einer Untersuchung zu unterwerfen. Mir wurde ein Halbliter Blut abgesaugt, ich wurde durchleuchtet auf verschiedenste Weisen und ein Haufen Kurvenschreiber hat meinen Gesundheitsstand aufs Papier gebracht. Dann kam der Chefarzt und teilte mit ungefähr folgendes: Herr Kuznetsov, Sie sind gesund wie ein junger Bulle, Ihr Körper tickt genauso genau und gut wie die Rolex-Uhr auf meinem Puls. Und, Herr Kuznetsov, wenn Sie nicht wollen, dass diese Uhr in einigen Jahren sich in ein Barometer verwandelt, kontrollieren Sie lieber Ihren exzessiven Alkoholkonsum, übermäßiges Rauchen und Ihren pantaguelischen Appetit.

Und nach diesem Fazit stellte er mir eine Bescheinigung aus, die die ganze Welt beruhigte - Dmitri ist im nichts verdächtigen bemerkt worden, weder im AIDS noch in der Syphilis!; die Eier, die er hat, nach der oberflächlichen Untersuchung, können Dmitri zugeschrieben werden, da Bandwürmer keine solchen haben. Den psychiatrischen Parametern nach, hat Herr Kuznetsov einen nordischen Charakter, er ist treu, diszipliniert, erbarmungslos zu allen Feinden des Reichs, und so weiter und so fort.

Natürlich sagten die Chinesen, dass ihnen dieses Stück Toilettenpapier aus Deutschland am Arsch vorbei geht, wie es auch sollte. Die Chinesen hätten eigene Medizintradition, die so alt wie Mammutscheiße ist: Konfuzius, Laotse, heilende Ejakulationsdämpfung auf Tao-Art etc. Kurz gesagt, schmeiß den deutschen Zettel weg und gehe zu den lokalen Asklepios für eine neue Untersuchung. So, bin ich wieder mich ergeben gegangen, diesmal zur Gesundheitsstube am Krankenhaus, das angeblich zum parteiischen Regionalkomitee gehörte.

Bin rein. An der Rezeption wurde ich sofort um 90 Euro leichter und der Grund der Nichtakzeptanz der deutschen Bescheinigungen wurde sofort klar. Ausländisches Gekritzel untergräbt doch das Gleichgewicht der chinesischen Wirtschaft. Und das Ende des Fünf-Jahr-Plans steht vor der Nase. Verteilung von Wimpeln. Wanderbanner etc.

Ich muss schon gestehen, dass 90 Euro in Bargeld über wundersame Eigenschaften verfügen. Die sind imstande, einen zu verjüngen und übermenschliche Energie in einen einzuatmen. Hier ist das beste Beispiel. Die Untersuchung, die in Tübingen 6 Stunden in Anspruch genommen hatte, dauerte in Peking nur 20 Minuten.

Der erste war der Internist. Von meinen eigenen Angaben schrieb er meine Körpergröße und mein Gewicht nieder. Dann murmelte er irgendwas auf Englisch. Aus dem ganzen Miauen entzifferte ich nur „eyes“ und „colour“. Grün-grau! – konstatierte ich stolz. Interessant, in welcher Beziehung meine Augenfarbe und die Medizin stehen? Iridodiagnostik! – kam der Gedanke und ich fühlte sofort einen enormen Respekt dem Therapeuten gegenüber. Colour blind! – entsann sich der Arzt endlich ans richtige Wort. Er holte aus dem Zwerchfellbereich ein spezielles Achromatopsie-Prüfungsbüchlein und jagte mich dadurch. Meine Fähigkeit, Farben zu differenzieren, erwies sich als der Grundstein meiner Gesundheit, da, nachdem der Internist sich vergewissert hatte, dass ich nicht farbenblind bin, nahm er einen Stempel in die Hand und stempelte alle Punkte ab: keine Lepra, keine Tuberkulose, keine Gelbsucht, kein Tripper, keine Pityriasis und vom vielen anderen auch nichts. Es muss mehr Ärzte mit diesem tiefsten Einblick in den Menschen auf der Welt geben.

Es folgte dann die Blutabnahme, die auch eigentlich weder Zeit noch Blut in Anspruch nahm. Die Chinesen sind ein ruhiges und gar nicht blutdurstiges Volk, und, anstelle des Halbliters wie in Deutschland wurde aus meinen Venen nur ein Schnapsgläschen rausgepumpt. Die Spritze war aber sehr schlau. Die bestand aus derselben Anzahl Teile wie die russische Maschinenpistole AK-74 und ließ sich in derselben Zeit wie die AK zusammenbauen.

Danach musste ich zum Kardiogramm. Bis damaligem Punkt hatte ich mich in einem abergläubischen Irrtum befunden, dass dabei das Herz mit irgendwelchen Sensoren auf der Brust gecheckt wird. Mit dem Auftritt der ersten Wäscheklammer gestand ich meine Laienhaftigkeit. Die Wäscheklammer war von der Größe einer Pazifikkrabbeschere, war blau und legte sich rund um meinen linken Knöchel. Die zweite Klammer um den rechten. Die dritte ganz gemütlich am Handgelenk. Drei klistierballonähnliche Saugnäpfe legten sich mit schmatzend auf mein Sonnengeflecht. Schmatz. Schmatz. Schmatz. Dann entwickelten meine Knöchel Herzaktivität und ein auf dem Nebentisch stehende Staubsauger spukte ein Kardiogramm aus, so groß wie eine Serviette. Anschließend hörte mein Herz wahrscheinlich mit dem Schlagen auf. Im Bereich meiner Füße bestimmt. Die Serviette wurde meiner Akte beigeklebt.

Über das letzte – das Röntgen hat man überhaupt nichts zu erzählen. Es war eine Am-Arsch-Maschine, die zur Welt noch in den Zeiten kam, als der Bruder von Mao „den konspirativen Weinhandel“ aufmachte. Dieses Scheißaggregat wurde auf mich gerichtet. Dann verschwand der alte Maschinenoperator (zu schnell für seine Jahre) in irgendwas, was nach einem Bombenbunker aussah und ich kriegte meine Hiroshima-Dosis.

Solche Äskulapen laufen durchs China. Interessant, ob das geheilt genauso geil wird wie untersucht? Und wie machen Sie hier Beschneidungen? Mit einem Holzhammer? Sie haben geniest? Wo ist denn mein Gewehr?